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Nora Schlocker
Hausregisseurin

Nora Schlocker, geboren 1983 in Rum (Tirol), ist mit der Spielzeit 2011/ 12 Hausregisseurin am Düsseldorfer Schauspielhaus. Nach ihrem Regiestudium an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin gab sie mit Molnárs *Liliom* im Jahr 2008 ihr Regiedebüt am Deutschen Nationaltheater Weimar, wo sie drei Jahre lang als Hausregisseurin engagiert war. Dort setzte sie die kontinuierliche Auseinandersetzung mit der Autorin Tine Rahel Völcker fort, mit der sie gemeinsam das Autoren-/ Regieprojekt *Studie zur Deutschen Seele* mit *(K)EI(N)LAND* und *Heimkehrer / Heimwerker* erarbeitete. Nora Schlocker inszenierte u.a. zeitgenössische Stücke von Klaas Tindemans, Maria Kilpi, Thomas Freyer, Thomas Arzt sowie klassische Stoffe von Grillparzer, Horváth, Büchner, Sartre und Flaubert. Sie arbeitet am Maxim Gorki Theater Berlin, am Schauspielhaus Wien, am Staatstheater Stuttgart und am Bayerischen Staatsschauspiel. --- Nora Schlocker, born in Rum (Tirol) in 1983, became resident director at Düsseldorfer Schauspielhaus in the 2011/12 season. After studying directing at the Ernst Busch School of Theatre in Berlin, she made her directing debut in 2008 with *Liliom* at the Deutsches Nationaltheater Weimar, where she was resident director for three years. Here she was able to develop an ongoing working relationship with the playwright Tine Rahel Völcker, with whom she created the writing and directing project *A Study of the German Soul* with *(K)EI(N)LAND* and *Heimkehrer / Heimwerker*. Nora Schlocker has also directed contemporary plays by Klaas Tindemans, Maria Kilpi, Thomas Freyer, Thomas Arzt and others, as well as classics by Grillparzer, Horváth, Büchner, Sartre and Flaubert. She works at the Maxim Gorky Theatre Berlin, the Schauspielhaus Vienna, Stuttgart State Theatre and Bavarian State Theatre.

Projekte
**Die Welt, 21.12.11**

**Zwischen Punk und Kant**

**Was Hebbel mit der Finanzkrise zu tun hat: Nora Schlocker inszeniert ''Gyges und sein Ring'' in München. Ein Porträt - Sonst Hausregisseurin in Düsseldorf, bringt sie nun am Residenztheater das selten gespielte Stück auf die Bühne**

**von Jan Küveler**

Der Platz vor dem Münchner Residenztheater strahlt kalt und pudrig in der Frühmorgensonne. Drinnen in der Kantine sitzt die junge Regisseurin Nora Schlocker und ist schon ziemlich wach und ziemlich warm. Auf Menschenliebe-Betriebstemperatur. Das sind keine Augen, denkt man, das sind Heizstrahler. Sie sind so braun wie ihr Haar, das auch zusammengebunden nicht über seine Widerspenstigkeit hinwegtäuschen kann.

Wenn sie ein paar Minuten später den ''wunderbaren Monolog am Ende des Stückes'' erwähnt - sie inszeniert Hebbels selten gespieltes ''Gyges und sein Ring'' von 1854 -, dann sind die Motive etabliert. In dem Monolog, den Schlocker so bewundert, sagt nämlich der König, kurz bevor ihn sein Freund Gyges tötet: ''Ich will am Schlaf der Welt rütteln.'' Weltverschlafene Menschen wecken, Widerspenstig-, besser Widerständigkeit, Menschenliebe, Menschenwärme: Darin steckt die ganze Schlocker. Sie selbst sagt schließlich: ''Anfänge sind ja immer das Schwierige am Theater. Man muss die Motive etablieren und klar kriegen: Wie funktioniert diese Welt?''

Ihr eigener Anfang liegt in Tirol, wo sie 1983 geboren wurde, als Tochter einer Feuilletonistin und eines Pharmazie-Professors, aber darüber sprechen wir nicht. Man hört ihr, die seit Jahren in Deutschland arbeitet - in Weimar, wo sie Hausregisseurin war, und Berlin, wo sie an der Ernst-Busch-Schule Regie studierte -, das Österreichische ohnehin kaum an. Als leises Echo liegt es in ihrer Stimme. Das ''ch'' ist manchmal eine Spur härter, zum Beispiel wenn sie ''Architektur'' sagt. Eine solche hat nämlich ihre Bühnenbildnerin Jessica Rockstroh (''ich liebe diese Frau'') ins Residenztheater gestellt. Ist die Architektur so monumental wie der Haupteingang des Hauses? Schlocker: ''Monumentaler!''

Ihre Sätze kommen schnell, elegant und pointiert. Ohne mit der Wimper zu zucken, sagt sie Dinge wie: ''Castorf ist zwischenmenschlich noch mal ein ganz anderes Kaliber als ich. Ich glaube nicht so sehr an die Kaltwasserdusche. Ich bin ja unter Kunstkritikern aufgewachsen. Ich glaube an eine Freiwilligkeit der Aussetzung.'' Die unterschiedliche Arbeitsauffassung verhindert aber nicht die Bewunderung für die Arbeit des Kollegen. Seit wenigen Wochen läuft am Residenztheater Frank Castorfs Inszenierung von Horváths ''Kasimir und Karoline''. München habe den Abend im besten Sinne verdient, sagt Schlocker. ''Die Menschen waren irritiert, schockiert, fasziniert, waren am Lachen, gingen raus, gingen rein, andere blieben, haben sich untereinander, gegeneinander verschworen. Ich mochte es sehr.'' Warum genau? ''Es versteckt sich nicht und setzt sich menschlich ein. Ich guck' mir tausendmal lieber 'nen Abend an, der nicht funktioniert, wo es aber eine Stelle gibt, die mich wirklich kriegt, als was, das so glatt ist.''

Die Heizstrahler-Augen drehen auf. Schlockers Lachen ist ein inwendiges Glucksen. Sie ist ganz bei sich, zugleich lädt sie die Welt ein. Die Balance ist erstaunlich. Ist ihr Standbein das Denken und ihr Spielbein das Fühlen? Oder umgekehrt? Jedenfalls sagt sie: ''Ich bin natürlich ein ganz großer Menschenliebhaber und Schauspielerliebhaber.'' Spricht vom Theater als einer ''Utopie menschlichen Zusammenseins''. Und wenn es nur eine Truppe von Schauspielern sei, die ''diesen Abend überstehen will. Das erzählt mir was von: Wir können nur zusammen, sonst haben wir keine Chance auf dieser Welt.''

Die Hoffnung auf solches Gelingen erzählt man am besten übers Scheitern. Schlockers letzte Arbeiten waren Hauptmanns ''Einsame Menschen'' in Düsseldorf, wohin sie der neue Intendant Staffan Holm als Hausregisseurin geholt hat (''Alle wollen sie haben'', sagt er über sie, stolz, dass sie seinem Ruf folgte). Und Flauberts ''Madame Bovary'' am Berliner Gorki-Theater. Stoffe über schwache, schöne Menschen. Weltaufrüttler, Selbstaufrüttler. Am Ende bringen sie sich um. Doch eigentlich sind sie nur ertrunken in den Wogen der Welt, die über ihnen brachen. Ein letzter Hohn des Mainstreams, der die andere Geschichte, die sie erzählen wollten, niederschlägt? Oder ein makaberes Zeichen des Respekts, dass es der Gegner verdiente, beseitigt zu werden?

Noch einmal Schlocker über den Münchner Castorf, denn im Geheimen ist es eine Selbstbeschreibung: ''Castorf lässt die Menschen sich so lange an einer Oberfläche abarbeiten, bis das dann wie durch Holzetagen bricht. Das wird dann unheimlich berührend, wenn die Menschen da aufklatschen und in der Stille nichts bleibt.'' Bis auf, im besten Fall, das leise Ticken einer Zeitbombe: ''Ich möchte mit meiner Arbeit einen Sprengkörper in einen Menschen einsetzen.''

Ihre Worte sind gewählt. Wenn man Schlocker zuhört, scheint es, als sei Theater ein gerechter Krieg, vielleicht der einzige seiner Art. Sie nennt Emma Bovary und Anna Mahr, Hauptfigur bei Hauptmann, ''terroristische Objekte''. Später, als die Rede auf den Warencharakter der Welt kommt, die grausame Uniformität der deutschen Innenstädte, die Tyrannei der Fußgängerzonen, sagt Schlocker auf die Frage, wie man da bloß wieder rauskäme: ''Vielleicht muss überhaupt das Draußen erst zerstört sein.''

Doch: ''Unsere Gesellschaft ist darauf angelegt, dass ihr alles einverleibt wird. Der Widerstand ist Teil der Marke.'' Ist Widerstand Teil der Marke Schlocker? Bestimmt. Das ist ja eben das Windige am kapitalistischen Wesen der westlichen Welt; der allgemeinen Einpreisung entkommt man nicht. ''Ich habe da auch keine Antwort drauf'', sagt Schlocker.

Auch in ''Gyges und sein Ring'' geht es um die Vereinbarkeit von Unvereinbarem. König Kandaules ist ein Reformer. Schreckt sein Volk, die Lydier, aus einem Konventionenschlaf auf, schmilzt Schwert und Krone ein. Seinen Freund Gyges lässt er, zauberringbewehrt und ergo unsichtbar, seine Braut Rodophe unverschleiert sehen - ein Sakrileg. Die vermeintliche Reinheit der Welt lässt sich nur durch den Tod von Kandaules und Rodophe wiederherstellen.

''Zum ersten Mal seit Langem habe ich mich mit der männlichen Hauptfigur total identifiziert'', sagt Schlocker. ''Der König ähnelt Emma Bovary, weil er nach einer großen Grenzenlosigkeit sucht. Weil er bestehende Grenzen nicht akzeptiert und zum Einsturz bringen will.'' Ist Gyges, der die Emanzipation immerhin erzwingen will, eine positive Figur? Schlocker: ''Ich würde nicht sagen 'positiv'; er ist eine moderne Figur.'' Aber ja, er verstehe Idealismus als Regellosigkeit. Diese wende sich gegen Bilder und Konformitäten, die ihn beschützten. ''Eigentlich muss man das alles abreißen, weil der Mensch die Befähigung hat, sich selber einzusetzen.''

Der Horizont von Nora Schlockers Theaterkrieg, an dem die Freiheits- und die Aufklärungsgeschützfeuer leuchten, reicht von Punk bis Kant. Macht kaputt, was euch kaputt macht. Zum Beispiel die selbstverschuldete Unmündigkeit.

Am Ende des Stücks skandiert das Volk: ''Heil Gyges, Heil!'' Auf die Kandaules-Moderne folgt die Gyges-Restauration. Vielleicht gar der Faschismus eines Menschen, dem über das Schlachten seines Freundes die Empathie abhanden kam. Den Aufzeichnungen nach - denn Gyges ist eine historisch verbürgte Person - ist er Stammgründer des Mermnaden-Geschlechts. Fünf Generationen später ging es mit König Krösus unter.

Ist angesichts dessen und all ihrer Obsessionen das Nora-Schlocker-Finanzkrisen-Stück überhaupt noch vermeidbar? ''Lustig, dass du das sagst'', sagt sie. ''Das wird mein nächstes Projekt.''



**NRZ, 5.11.11.**

**Feuertaufe für das Glückskind**

**Nora Schlocker vor der Premiere ''Einsame Menschen''**

*Michael-Georg Müller*

Sie wibbelt unruhig wie ein Girlie auf dem Stuhl, gestikuliert mit filigranen Händen, spricht mit weicher Stimme, weiß aber, was sie will. Keine Lieblingsstücke! Kein Happy-End! Lieber reibt sich Nora Schlocker, möglichst an Text-Brocken mit „bösem Ausgang“. Dabei hat sie in ihrem Leben viel Glück gehabt. Schule fiel ihr leicht, hatte mit 17 ihr Abitur und ihre erste Beziehung mit einem Filmregisseur. Seitdem steht sie gerne unter Hochdruck, fühlt sich häufig unterfordert. Dennoch ahnt Nora, dass ihr morgen eine Bewährungsprobe bevorsteht: Die gebürtige Tirolerin, die 2007, mit gerade mal 23, Hausregisseurin am Weimarer Nationaltheater wurde, hat mit Schauspielern und Bühnenbildnerin Jessica Rockstroh elf Wochen hart in Düsseldorf gearbeitet, an „Einsame Menschen“. Die Familientragödie aus der Feder von Gerhart Hauptmann wird Sonntag die zweite Produktion sein, die im frisch sanierten Großen Haus am Gründgens-Platz über die Bretter geht. Die technische Herausforderung: Das Stück spielt in einer Villa am Berliner Müggelsee. Dafür werden Tausende Kubikmeter Wasser auf die Bühne fluten.

Nach einem Jahr Bauarbeiten wurde gestern das Haus mit „Hamlet“ wiedereröffnet. Festlich. Mit Spannung erwartet und immer wieder verschoben wurde die erste Regie des neuen Hausherrn Staffan Valdemar Holm. Den Namen des schwedischen Theatermachers kannte Nora Schlocker vorher noch nicht. Erst als dessen Dramaturgen der Nachwuchs-Regisseurin Holms internationales Theater-Konzept vorstellten, sagte sie sofort Ja. Obwohl sich die großen Häuser der Republik um die talentierte Schlocker reißen, München und Berlin sie mit verlockenden Angeboten zu ködern versuchten, fiel die Wahl auf Düsseldorf.

„München ist zu nahe zu meiner Heimat Innsbruck. Ich wollte mal richtig im Westen leben“, sagt das ungeduldige Glückskind. Allerdings hält sie parallel noch eine Wohnung in Berlin, mit ihrem heutigen Lebensgefährten, einem Architekten. Und inszeniert in dieser Spielzeit, neben Düsseldorf, als Gast in München und Stuttgart.

An der Rheinmetropole reizte sie auch, Holms Utopie verantwortlich mit zu gestalten. „Hier geht man nicht nur mit großen Namen auf Nummer Sicher, sondern wagt etwas.“ Risiken liebt Nora, mit 28 - neben Falk Richter (41) und Nurkan Erpulat (37)- die jüngste im Leitungsteam.

Das mit der „jüngsten“ nervt die Frau, die in bürgerlichem Milieu (Mutter Journalistin, Vater Pharmazie-Professor) aufwuchs. „Ich habe mich immer an älteren Menschen orientiert.“ So drehte sie mit 17 mit ihrem Freund den ersten Film und debütierte als Theater-Regisseurin, vor dem Studium an der Berliner Ernst-Busch-Hochschule, mit einem Stück von Sarah Kane. Und vor ihrem Abschluss inszenierte sie Uraufführungen an der Berliner Volksbühne und am Gorki-Theater, wo sie kürzlich mit Flauberts „Madame Bovary“ Furore machte. Den üblichen Beginn als Regie-Assistentin? Das ist nichts für Nora die Ungeduldige: „Ich wollte immer alles selber machen.“ Aber sie arbeite gerne im Team, habe viel Geduld, mit Schauspielern, Bühnenbildnern und Autoren.

Gespannt darf man sein, wie und ob das düstere Ende von „Einsame Menschen“ beim Publikum ankommt, Denn in dem Fünfakter gerät ein großbürgerlicher Ehemann zwischen zwei Frauen. Er hat alles, Geld und Liebe, ist aber eingezwängt in Konventionen. Und wählt den Freitod.